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Willkommen in der Führung der Gegenwart

„Erfolg entsteht aus einem Plan, der klar die nötigen Handlungen vorgibt, und seiner Erfüllungskontrolle.“ Das ist ein weit verbreiteter Trugschluss, mit dem ich mich beschäftigte, als ich mich vor Jahren erstmals ganz gezielt mit der Rolle „Führungskraft“ auseinandersetzte. Schnell merkte ich: Diese Annahme gilt lediglich für Angelegenheiten, bei denen die Aufgabe, der Lösungsweg und die Lösung vorhersagbar sind. 

Sprich nur dann, wenn wir alle Faktoren und ihre Einflussnahme auf die Situation genau kennen. Aber wann wissen wir denn sicher, wer morgen krank wird? Ob jemand kündigt? Welche neue Kollegin wir finden? Wie viele Kunden sich für unser Angebot entscheiden? Und warum arbeiten trotzdem so viele Unternehmen nach diesem Prinzip?

Ja, damals …

Ganz nüchtern betrachtet, trifft dies auf Zusammenarbeit von mehreren Menschen nie zu. Der ebenso bequeme wie übliche Ausweg der Führungslehre ist, zu sagen: 

Die Führung ist informiert und klug. Sie gleicht das Unvorhersehbare aus. Ist es nötig, weist sie ein anderes Verhalten an. Die Belegschaft richtet sich danach. Der Erfolg ist wieder gesichert. 

Schön, wenn es so einfach wäre. Dabei will ich gar nicht darauf eingehen, ob alle Vorgesetzten wirklich so klug sind. Die Führungslehre übersieht leicht einen entscheidenden anderen Faktor: Die Grundformel, nach der sich Management auch heute noch richtet, kommt aus dem 19. Jahrhundert. 

Aus Alt mach Neu

Damals war ein Großteil der Bevölkerung schon rein rechtlich ein Eigentumsgegenstand. Das änderte sich in der Industrialisierung. Denn für die Fabriken brauchte man Mitarbeiter, die die Freiheit hatten, ihre Arbeitskraft verkaufen zu können. Über mehr als ihre Arbeitszeit sollten sie allerdings keinesfalls bestimmen. Und so ist eine Arbeitswelt, in der man tatsächlich auf die Mündigkeit aller Menschen vertraut, weiterhin Wunschdenken. Die Führungslehre nimmt nach wie vor an, dass die Wissenden den Ungebildeten sagen müssen, was sie wann und wie zu tun haben. 

Dieses Verständnis von Führung passt heute nicht mehr, ist nicht mehr zeitgemäß. Und ist in Unternehmen zum einen gefährlich und verschwendet zum anderen Ressourcen. Menschen besitzen nicht nur die Fähigkeit zu denken. Nein, wir können von ihnen auch verlangen, sie anzuwenden. Denn ja, sie können sich Zusammenhänge erschließen. Sie haben die Eigenschaft, die Welt zu hinterfragen und sie so zu verstehen. Wie sie diese Veranlagungen im einzelnen Leben entwickeln, ist freilich sehr verschieden. Dass wir damit geboren werden, ist jedoch unbestreitbar. 

In der Praxis

Auf die Wirtschaft bezogen, läutet das frühe 21. Jahrhundert die Epoche ein, in der die Fähigkeit zu denken selbst zur ökonomischen Ressource wird. Wenn wir davon ausgehen, dass diese Annahme stimmt, verlangt das ein völlig anderes Führungsverständnis – nämlich eines, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

Dazu möchte ich Ihnen von einer Situation erzählen, die Gebhard vor Jahren erlebte: Damals brauchte er einen gut bezahlten Job, in dem er in wenigen Wochen ein paar Tausend Mark verdient – und bekam diese Chance in einem Müllwerk. Zwei Tage nach Arbeitsantritt warf ihn sein Team vom Fahrzeug. Er war zu langsam, die vollen Mülleimer zu schwer. Bevor er vom Platz flog, erbarmte sich der Fahrer vom Verpackungsmüll seiner: „Den leichten Plastikmüll wirst du Hungerhaken wohl noch schaffen!“ Gebhard hörte ihm aufmerksam zu und zahlte das Vertrauen zurück. Innerhalb einer Woche lernte er, die Gelben Säcke so schnell im Laster verschwinden zu lassen, dass sie alle pünktlich in den Feierabend kamen. 

Schaden abgewendet?

Bei dieser Arbeit erkannte Gebhard, wie wichtig es ist, sich an die Anweisungen von Kollegen zu halten. Die Mannschaft auf dem ersten Wagen erklärte ihm nachher, warum sie ihn rausgeworfen hatten: Schon am Einstiegstag war er zum Ende der Tour hin so geschafft, dass die Konzentration nachließ. Er rutschte zweimal beinahe von der Plattform, auf der man als Werker im Heck mitfährt. 

Für den Fahrer ist man dort im toten Winkel. Er merkt erst beim nächsten Halt, ob alle noch an Bord sind. Die Anweisungen, die man als Kollege bei der Müllabfuhr erhält, bewahren einen vor schweren Verletzungen oder Schlimmerem. Sie haben Sinn. Die Kontrolle übernehmen die Mitfahrer, die sich auf der anderen Seite festhalten. Die Strafe wäre direktes körperliches Leid, für das man selbst verantwortlich ist. Und ein wirtschaftlicher und öffentlicher Schaden für das Unternehmen.

Willkommen in der Gegenwart

All das unterscheidet sich sehr stark von klassischer Führung. Dort macht der Zusammenhang zwischen Anweisung, Kontrolle und Konsequenz oft keinerlei Sinn. Stattdessen entspringt er der Willkür des Vorgesetzten.

Gebhard hatte erkannt, eine mittelständische Führungskraft, die nur ihr Büro kennt und mit Anweisungen regiert, läuft schnell ins Leere. Am Ende der Konflikte ist es für die Firma einfacher und sinnvoller, den Bürohengst zu entlassen als erfahrene Mitarbeiter. Wir sind uns sicher: Will man die Klugheit der Mitarbeiter für den wirtschaftlichen Erfolg nutzen, bedeutet es, die Wirkungskette aus Plan – Anweisung – Kontrolle und Anerkennung/Strafe abzulösen. 

 

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