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Der letzte Vorgesetzte

Ich kann mich noch gut erinnern an den Tag, an dem Gebhard und mir zum ersten Mal so richtig auffiel, dass ich die letzte verbliebene formale Führungskraft war. Gut ein Vierteljahr zuvor war zuletzt der Prokurist gegangen. Mit ihm endete die Ära der Manager bei Heiler.

Ich will Ihnen von diesem denkwürdigen Tag erzählen, auch wenn die entscheidende Szene ganz unspektakulär war: Franz aus der Produktion kam zu mir ins Büro. Wie bei uns üblich, wartete er nach dem Klopfen nicht ab, sondern kam direkt herein gestapft: „Hast du ’ne Minute?“

Die letzte Hoffnung

Ich schaute lächelnd am Monitor vorbei: „Wenn du mich die Mail fertig schreiben lässt?!“ Er nickte. 

Als ich dann aufblickte, legte er mir ohne weiteren Kommentar den Urlaubsantrag für einen Brückentag auf den Schreibtisch. Eigentlich regelte die Belegschaft schon seit einigen Monaten ihre Ferien untereinander. Für die Teams gibt es Ganzjahreskalender. Jeder Mitarbeiter kennzeichnet mit einer eigenen Farbe seine freien Tage. Das Ergebnis teilen sie der Personalbuchhaltung mit. 

Beim Blick auf das Datum ahnte ich den Konflikt. Doch warum um alles in der Welt kam er zu mir? 
Ich fragte vorsichtig: „Also, du willst Urlaub zur selben Zeit wie jemand anderer, richtig?“ 
Franz nickte. 
Ich fuhr fort: „Der andere hat seine Tage schon vor dir eingetragen?“ 
Er nickte erneut.
Und ich fragte: „Und warum kommst du damit zu mir?“
Er zuckte mit den Schultern: „Na ja! Du bist der letzte Vorgesetzte, der uns geblieben ist!“ 
„Stimmt.“, antwortete ich. „Aber ich kann dein Problem nicht lösen. Bitte sprich mit den Kollegen, wie ihr das regeln wollt.“

Enttäuscht nahm er das Blatt von meinem Tisch und ging. Und ich lehnte mich nachdenklich in meinem Schreibtischstuhl zurück und dachte: ‚Das muss ich Gebhard erzählen.‘

Es geht weiter

Die Firma arbeitete nun schon eine nennenswerte Zeit lang auch ohne Hierarchie gleichmäßig. Wir hatten die Chefs nicht an die frische Luft gesetzt. Einige verließen uns, weil sie in einer selbstgesteuerten Organisation keinen Platz mehr für sich fanden. Andere sahen mit dieser Entwicklung das unausweichliche Ende des ganzen Unternehmens nahen und gingen. Nur eine Führungskraft hatten wir dezidiert entlassen. 

Am Tag des Urlaubsantrags erkannten wir: Selbst wenn sämtliche formalen Führungskräfte beschließen, von heute auf morgen auszuscheiden, funktioniert ein Unternehmen dennoch weiter.

Das hatten viele ganz anders prophezeit, auch intern. Eine junge aufstrebenden Führungskraft hatte geunkt: „Verlassen wir uns auf die Entschlüsse der Belegschaft, sind wir verlassen! Die sehen doch nur ihren kleinen Ausschnitt des Prozesses. An das große Ganze denken die nie.“ 

Aber auch langjährige Mitarbeiter zweifelten. Ich höre noch, wie einer sagte: „Ich will, dass man mir ansagt, wie es zu machen ist. Sobald wir alle nach der eigenen Pfeife tanzen, kommt nur Mist heraus. Da schaut jeder auf seinen persönlichen Vorteil. Und woher soll ich schon wissen, was richtig ist?“

Was hätten Sie ihm geantwortet?

Ein anerkannter Zustand

Genau genommen sprechen beide Aussagen den Menschen ihre Mündigkeit ab. Die Aussagen waren Ausdruck eines allgemein anerkannten Zustands der Unselbstständigkeit. 

Unser Ansatz basiert dagegen auf der Eigenständigkeit aller Beteiligten. Wir setzen auf Menschen, die reif genug sind, den Unternehmensalltag selbstständig zu meistern. Und bereit, sich in strukturelle und strategische Entwicklungen einzubringen. Die Einführung dieses Ansatzes bedeutete natürlich für alle Beteiligten eine große Umstellung. 

Wir wussten damals nicht, wie viele unserer Mitarbeiter diese Umstellung mitgehen würden. Und – ja – manch ein Aktivposten zog es vor, uns zu verlassen. Aber wir sahen auch, dass es praktisch jedes Mal schon einen Kollegen dahinter gab, der die Lücke füllte. Wie sich herausstellte, häufig mit Einfällen, die die Firma nach vorne brachten. Es war eine sehr ermutigende Erfahrung …

Kein Ende in Sicht

Wir sahen, dass es ausreichend Menschen gibt, die eigenständig und verantwortungsvoll arbeiten. Die alltäglichen Arbeitsprozesse laufen ganz normal weiter. Ohne formale Hierarchie. Chaos bleibt aus. Natürlich tauchen regelmäßig Komplikationen auf. Doch die hatte es auch vorher mit Chefs gegeben. Die Prozesse geben den Takt. Die bestehenden Absprachen halten die Firma am Laufen. 

Wir sind noch lange nicht am Ende unseres Weges angekommen, aber wir sind sehr froh, dass wir uns auf diesen Weg gemacht haben.

 

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